Bald ist er nur noch der Manfred

In Ulrichstein hat sich in den vergangenen 41 Jahren viel getan, das kann Manfred Hofmann bezeugen. Am Sonntag wird der Pfarrer in den Ruhestand verabschiedet. Er hat mit den Leuten gelacht und geweint, tanzte an Fasching und trauerte am Grab. Was hat sich verändert? »Früher haben die Menschen sich im Alltag in Gottes Hand gesehen.«

Die ersten Anzeichen des nahenden Abschieds kommen bereits. So hat Manfred Hofmann eine Einladung zu einer runden Geburtstagsfeier als »Manfred« erhalten, nicht mehr als »Pfarrer Hofmann«. Nach 41Jahren im Pfarrhaus von Ulrichstein geht eine Ära zu Ende. Die Arbeitswochen von 50 bis 60 Stunden mit vielen persönlichen Begegnungen enden am 4. Juni mit dem Gottesdienst zur Entpflichtung und einem gemeinsamen Kaffeetrinken mit der Kirchengemeinde. Seine Frau Christa und er haben ein Haus im Ort gekauft, um im Ruhestand da zu bleiben, wo sie sich wohlfühlen. »Ich bin dankbar, dass ich über 40 Jahre in Ulrichstein sein durfte«, sagt er im Gespräch über die vielfältige Amtszeit.

Dabei hat sich einiges verändert, wie er auf die Frage nach den Unterschieden zwischen einst und jetzt sagt. »Als wir hierher kamen, war in fast jedem Haus Vieh zu finden.« Die Menschen lebten zum Gutteil vom Ertrag der Landwirtschaft. Sie hätten »Gott dahinter gesehen«, und die meisten waren im Ort tätig. Heute pendeln viele Ulrichsteiner zu Arbeitsplätzen außerhalb, das Lebensgefühl ist anders geworden. »Man schreibt heutzutage mehr sich selbst zu«, der Bezug zur Kirchengemeinde ist nicht mehr so stark wie einst, sagt Hofmann. Auch das Straßenbild hat sich verändert. Als Hofmann ins Pfarrhaus einzog, waren Haupt- und Marktstraße voller Leben, in fast jedem Haus war ein Laden. Ulrichstein habe immer noch Mittelpunktfunktion für umliegende Ortschaften, »deshalb haben wir hier alles«, aber viele Menschen fahren zum Einkaufen in größere Städte.

Die 41 Jahre im Pfarramt sind für Hofmann wie ein Mosaik, bestehend aus vielen kleinen Steinchen, den Begegnungen mit den Menschen, die ihm so wichtig sind. Als Pfarrer ist Hofmann für Gottesdienste, Trauerfälle, Gebetskreise und Taufen zuständig, er hat gerne den Religionsunterricht in der Schule gehalten. Höhepunkte waren die Pfarrausflüge, unter anderem nach Israel und Norwegen.

“Wenn jemand stirbt, kann ich Angehörigen nicht sagen, ich habe jetzt Feierabend"
Manfred Hofmann

Im Zentrum stehen »die vielen persönlichen Gespräche, ich bin in den 40 Jahren zu fast allen Geburtstagen gegangen«. Das vertieft die Verbindung, »die Menschen wissen, dass sie mir etwas anvertrauen können«. Er predige gerne und hat gerne mit Menschen aller Altersgruppen – »vom Kleinkind bis zum 100-Jährigen« – zu tun. Besonders gefragt ist ein Pfarrer in Trauerfällen. »Wenn man merkt, wie hilflos man ist, ist man froh, jemanden zu haben, der einem ein bisschen Halt gibt«, fügt Hofmann an. Der Glaube an Gott gibt ihm Halt, das hat er besonders nach dem Tod seines Sohnes vor über zwei Jahrzehnten gemerkt.

Pfarrer sein ist für ihn kein Job mit festen Arbeitszeiten. Deshalb hat er immer versucht, da zu sein, wenn er gebraucht wurde. Das gilt besonders in einer kleinen ländlichen Gemeinde. In einer Stadt laufen die Menschen aneinander vorbei, »hier kenne ich jeden, das hat seine Vor- und Nachteile«. Er konnte sich nie vorstellen, Pfarrer in einer Stadt zu sein, fügt Hofmann an. Er hat im Männerballett mitgewirkt, seine Frau hat mit Büttenreden geglänzt. Dann gab es auch die Zeiten, als er fassungslos nach dem Tod von einem Jugendlichen am Grab stand und ihm für Momente die Worte fehlten.

Er blickt gerne auf die Zeit als Pfarrer zurück, weil er »über den Tellerrand gucken durfte«. So gehörte er 18 Jahre der Landessynode an, was die Möglichkeit bot, andere Länder kennenzulernen. »Ich bin der Kirche dankbar für diese Möglichkeit.« Hofmann ist gerne Pfarrer, deshalb hat er nach einer Erkrankung weitergemacht, obwohl er damals vor zwei Jahren in den Ruhestand hätte gehen können. Die Verabschiedungsfeier hat er mit Blick auf die aktuelle Konfirmandengruppe um drei Monate nach hinten geschoben. »Es fällt mir schwer loszulassen, und dennoch freue ich mich auf den Ruhestand.« Dann kann er sich dem Modellbau widmen und seiner Modelleisenbahn.

Wann ein neuer Pfarrer oder eine Pfarrerin ins Pfarrhaus zieht, ist unklar. Dekanin Sabine Bertram-Schäfer erläuterte, dass die Ausschreibung auf dem Weg sei. »Es dauert erfahrungsgemäß ein halbes bis ganzes Jahr, bis die Stelle wieder besetzt ist.« Die Vakanz-Vertretung übernimmt Dr. Peter Möser, Pfarrer in Rainrod.

Mehr gemeinsame Arbeit

Manfred Hofmann sieht Veränderungen in der Pfarrerstätigkeit. So hofft er, dass sich die Arbeit etwas wandelt, »unsereins war ein Einzelkämpfer«. Es wäre schön, wenn die Pfarrer mehr gemeinsam arbeiten. So hat ihm die Arbeit im Gruppenpfarramt gut gefallen. Gerade die regelmäßigen Treffen mit Kollegen »haben etwas gebracht«.