Ich bin dankbar, dass ich hier sein durfte. Bei Pfarrer Manfred Hofmann (65), evangelischer Pfarrer von Ulrichstein und Feldkrücken, findet in seiner Bestandsaufnahme bereits die Vergangenheitsform Verwendung, weil seine Verabschiedung in den Ruhestand kurz bevor steht. Am Pfingstsonntag erfolgt diese im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes, was dann etwas Endgültiges hat, zweifelsohne einen seelsorgerischen Einschnitt darstellt, denn Hofmann, ein Mann der leisen Töne, aber mit festem Glauben, prägte das Gemeindeleben mehr als 40 Jahre lang.

Pfarrer Manfred Hofmann

Über vier Jahrzehnte als Pfarrer an einer Stelle, das weist besonderen Stellenwert auf. Da ist ihm nichts fremd in Ulrichstein und Feldkrücken. Er kennt die Menschen dort haargenau, hat sie schätzen gelernt wie kaum ein anderer „Zugereister“. Was bei seinem Rückblick auf die Anfänge deutlich zum Tragen kommt: „Man muss das Vertrauen der Vogelsberger erst gewinnen, dann sind es treue Seelen. Mit rauer Schale und butterweichem Kern.“ Dieses Umfeld hat dem Pfarrer und seiner Frau Christa, die 1976 ins Ulrichsteiner Pfarrhaus einzogen, gut gefallen. „Sonst wäre ich sicher nicht derart lange hier geblieben.“ Dass er sich so entschied, hat Manfred Hofmann nie bereut.

In guten und schweren Zeiten. Bei seiner persönlichen Ausrichtung im Umgang mit der Gemeinde hielt er es stets mit der Bibelvorgabe: Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden. So etwas schweißt zusammen. Wen wundert es da, dass der Seelsorger keine Sorge hat, wo er künftig bleibt. Das Ehepaar kaufte sich in Ulrichstein ein Haus ganz in der Nähe, wo er immer wirkte. Der Freundeskreis bleibt also erhalten im nicht berufstätigen Lebensabschnitt.

Wie eng verzahnt Pfarrer Hofmann mit seiner Umgebung ist, mag daran deutlich werden, dass er als Schwerbehinderter schon vor zwei Jahren bei vollen Rentenbezügen hätte aufs Altenteil wechseln können. Wollte er nicht. Und danach waren es die Konfirmanden, die ihn bewogen, zeitlich noch ein wenig Nachschlag im Dienst draufzusetzen: „Mein Wunsch war, sie noch unbedingt bis zur Konfirmation zu betreuen.“ Das steht nun im Mai an, dann ist auch diese letzte Aufgabe für ihn bewältigt. So wie all das, was er jüngst tat, ein letztes Mal war. Kommt da nicht ein bisschen Wehmut auf? Hofmann gesteht dies durchaus ein, geht in seiner verschmitzten Art aber auch auf die Grenzen dieser Gefühlslage ein: „Bei der Vorbereitung und Durchführung des vergangenen Osterfrühstücks in der Stadtkirche war ich so stark eingebunden, dass für Wehmut kaum Platz blieb.“ Zumal diese 18. Auflage des Osterfrühstücks sich erneut einer großen Resonanz erfreute.

Sehr schwerfallen wird ihm allerdings die Tatsache, dass er an der Schule in Ulrichstein keinen Religionsunterricht mehr abhalten kann. „Das habe ich in all den Jahren immer sehr gern getan.“ Öffnete ihm dies auch den Zugang zu den Jüngsten der Gemeinde. Wobei er den Zuspruch zur Kirche auf dem Land differenziert betrachtet, schließlich sei Fakt, dass die gesellschaftliche Gesamtentwicklung Spuren hinterlasse. „Als ich vor 40 Jahren anfing in Ulrichstein und Feldkrücken, da spielte hier die Landwirtschaft eine viel bedeutendere Rolle.“ Diese habe sich auch in der Kirche dargestellt. „Bei Erntedank war beispielsweise ein toller Zuspruch zu verzeichnen.“ Aber das ist passé. Auch er habe im Laufe der Zeit feststellen müssen, was ein früherer Propst in Gießen so zum Besten gab: „Ich predige mit fortlaufendem Erfolg.“

Trotz sinkender Zahlen bei den Besuchern der Gottesdienste macht sich Manfred Hofmann um die Zukunft der Kirche keine existenziellen Sorgen: „Denn sie wird auch als mahnende Stimme immer gebraucht.“ Diese Hinwendung zu politischen Dingen hat Hofmann persönlich selbst vollzogen. Natürlich auf Vogelsberger Ebene. Bis zur letzten Kommunalwahl saß er für die SPD im Kreistag. „Ich wollte mal über den örtlichen Tellerrand schauen und mich einbringen.“ Für Ulrichstein habe er dies stets abgelehnt, „denn direkt dort, wo ich als Pfarrer tätig bin, musste ich politische Neutralität an den Tag legen“. Ohnehin sei er mit den CDU-Leuten vor Ort immer bestens ausgekommen. Ulrichsteins parteiloser Bürgermeister Edwin Schneider brachte es schon vor einem Jahr, bei Hofmanns 40. Dienstjubiläum passend auf einen Nenner: „Sie sind ein wirklicher Stützpfeiler unserer Gemeinde, auf den immer und uneingeschränkt Verlass ist.“

Dieser Stützpfeiler fehlt künftig im Fundament der Gemeinde. Für Hofmann bleiben dann die Erinnerungen an schöne Zeiten in Hessens höchstgelegener Stadt. Erinnerungen an Jungschar-Betreuungen in der Anfangsphase als Pfarrer, an herrliche Konfirmationsfreizeiten in Norwegen oder Israel, an ökumenische Trauungen und andere gemeinsame Konfessionsaktivitäten, ans Verwaltungs-Engagement im evangelischen Kindergarten, an die Vorstandstätigkeit im Jugendheim, ans weihnachtliche Krippenspiel in Feldkrücken und dem Mitwirken in der Synode. Last but not least bleibt haften: Auch die Fastnachtsauftritte mit seiner Frau Christa haben nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Und was bringt für Manfred Hofmann, der einst in Darmstadt und Marburg Theologie studierte, die Zukunft im neuen Haus und in neuer Eigenschaft als Rentner: „In die Kirche gehe ich als ganz normales Mitglied unserer Gemeinde. Wenn mal Aushilfe vonnöten sein sollte, werde ich mich nicht verschließen.“

Ansonsten stehen Ehefrau Christa, die Kinder und das Enkelkind im Vordergrund. Aber auch die Hobbys Modellbau und Eisenbahn. Da ist Hofmann beispielsweise stolzer Besitzer einer Märklin-Lokomotive namens „Krokodil“, die schon Generationen von Kindern und Vätern bestaunt haben. Wie er sich dann mit seiner Anlage ausbreitet, weiß er noch nicht genau. Aber im Rentnerdasein ist alles ein wenig betulicher, daran wird Ulrichsteins „Dinosaurier“-Pfarrer sich erst noch gewöhnen müssen.