Der Mittelpunkt der Welt

Es ist nur ein kleines Dorf, mitten im Vogelsberg. Man muss es nicht kennen, um als gebildet zu gelten. Auf manchen Landkarten wird man es gar nicht finden. Kein Schloss, kein Museum, nicht einmal eine Ruine, überhaupt kein bedeutendes Bauwerk, welches das Dorf in der Welt der Kunst bekannt gemacht hätte, wird man finden. Aber geputzte Häuser stehen in den Straßen, mit schönen Blumen in den Fenstern und den Gärten davor, Höfe in denen Kinder Fußball spielen oder Fahrrad fahren können. Kein Theater ist in dem Vogelsbergdorf, auch kein Konzertsaal, aber man kann in einem Dorfgemeinschaftshaus schöne Feiern durchführen. Man wird auch keinen Dom finden, aber in keiner anderen Kirche kann man so andächtig beten, der Stille lauschen, so mit Gott verbunden sein, wie in der kleinen Dorfkirche. Und Gott wohnt in dem kleinen, unscheinbaren Dorfkirchlein genauso wie im Dom zu Köln.

Das Vogelsbergdorf liegt in keiner fruchtbaren Gegend. Der steinige und karge Boden eignet sich nicht für den Anbau von Weizen und Zuckerrüben, mehr für Kartoffeln und Hafer. In der Gemarkung gibt es keine seltenen Pflanzen, kein Edelweiß, kein Enzian, keine Silberdistel, aber nirgends auf der Welt blühen im Frühling die Schlüsselblumen am Ufer des Streitbachs so golden. Man wird auch keine seltenen Tiere in der Gemarkung ausspähen, aber gelegentlich Hasen, Rehe, Böcke, manchmal auch ein Wildschwein kann man beobachten. Spatzen, Meisen, Dompfaffen suchen und finden ihr Futter, Stare und Amseln tun sich gütlich in der goldenen Mittagssonne. Gelegentlich ruft sogar ein Kuckuck.

Kein berühmter Mann ist im dem Vogelsbergdorf geboren, kein Nobelpreisträger, kein bekannter Maler, kein Musiker oder Fußballer, der in der Welt Aufsehen erregt hätte, kein Philosoph; auch kein Erfinder; noch nicht einmal eine Schlagersängerin.

Aber die Theateraufführungen der Jugend im Feldkrücker Platt sind stets ausverkauft und weit über die Grenzen der umliegenden Dörfer bekannt. Die Kinder des Dorfes führen am Heiligen Abend ihr Krippenspiel mit so viel Gefühl und Liebe vor, wie in fast keinem anderen Dorf oder Stadt der großen Welt. Fleißige Menschen haben hier durch die Jahrhunderte gelebt, haben als Bauern den Boden bestellt, um über die kalten schneereichen Winter ihr Vieh zu bringen. Schreiner, Zimmermänner, Schuster und Maurer haben sonst irgendwie ihr Geld verdient. Reich geworden sind nur wenige.

Es ist nur ein kleines Dorf, mitten im Vogelsberg.
Man muss es nicht kennen, um als gebildet zu gelten.
Auf manchen Landkarten wird man es gar nicht finden.
Und doch ist es für uns der Mittelpunkt der Welt:

...unser Heimatdorf

Heiko Müller, April 2009

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